Es ist noch Zeit, oder?

Es ist noch Zeit, oder?
Du fühlst Dich wie immer, voller Träume, Pläne, Hoffnungen und Sehnsüchten. Träumst von tollem Sex, von Reisen, Tanzen und Flirten. Und plötzlich triffst du einen alten Freund, und denkst, ‚Oh Gott,  ist der alt geworden‘. Er ist zwei Jahre jünger als du. Du siehst deine Enkelin, sie ist 13, und hat keine Zeit mehr dich zu besuchen. Sie hat einen Freund.
Deine Tochter stöhnt über die Wechseljahre, und Du fragst dich, wie das sein kann, sie hat doch gerade erst geheiratet. Du siehst deine Frau an und siehst, dass ihr Bauch runder geworden ist und an ihrem Kinn ein Haar sprießt. Ihr habt nächstes Jahr Rubinhochzeit. Wo ist bloß die Zeit geblieben?

Du magst es gern bequem. Es ist egal, dass der Sessel klobig ist und eigentlich nicht zur Einrichtung passt. Er ist gemütlich und hat eine Vorrichtung, mit der du die Fußstütze ausfahren kannst, um in einen friedlichen Mittagsschlaf zu entgleiten. Mittagsschlaf. Wie kann das sein? Wie hast du früher immer über Leute gelästert, die mittags schlafen müssen. Nun gehörst du sonntags auch zu ihnen. Bist zufrieden, wenn du am Tag im Garten gepuzzelt hast, und abends guckst du ‚Visite‘ und Naturfilme im Dritten.

Du vermisst die Arbeit schon lange nicht mehr. Wirst du wirklich alt? Nein, du hast noch Zeit, bis du wirklich alt wirst. Du liebst es einfach nur bequem.

Du bist im Restaurant, beim Buffet, deine Kinder haben dich eingeladen. Früher hast du Buffets geliebt, dir den Teller immer wieder voll gehäuft und alles probiert. Heute reicht dir ein Teller und die scharfen, fetten Sachen lässt Du links liegen. Du erinnerst dich, dass du deine Tabletten nehmen musst. Die üblichen, die, die alle haben. Gegen Bluthochdruck, gegen Cholesterin, gegen Zucker. Du nimmst auch Vitamine. Omega 3 und Kürbiskernöl, wegen der Prostata. Immer öfter wirst du nachts wach, musst zum Klo.

Du wirst bald verreisen. Nach Schweden. Dort ist es ruhig und nicht so warm. Wie hast du Wärme früher geliebt. Hast schon im Juni braune Haut gehabt. Heute meidest du die Sonne, sie erschöpft dich, mehr als 23 Grad brauchst Du nicht mehr. So vieles hat sich geändert. In dir steigt leise die Frage auf, wie viel Zeit dir noch bleibt. Und was kommt, wenn keine Zeit mehr ist. Das macht dir Angst.

Nachts, wenn du wachliegst, fragst du dich manchmal, ob Du was verpasst hast im Leben. Du warst immer brav, bist immer lieber auf Nummer sicher gegangen. Warst ein loyaler Mitarbeiter, ein treuer Ehemann, ein fürsorglicher Vater. Hast gespart und für die Familie gesorgt. Viel Spaß hattest Du nicht, aber Du warst zufrieden mit Dir. Du warst und bist ein anständiger Mann.

Während Du in den Mittagsschlaf hinübergleitest, gehen Dir allerhand Dinge durch den Kopf, Geschichten über Menschen, die Nahtoderlebnisse hatten und eine Sendung über einen kleinen Jungen, der sich an Dinge aus früheren Leben erinnerte. Du hoffst, dass da noch was kommt und doch zweifelst Du,  denn kann der Tod anders als der Schlaf sein? Bist einfach weg, nicht da. Ist so auch der Tod? Für immer?

Dein Hals fühlt sich eng an. Beklemmung packt Dich und an Schlaf ist nicht zu denken.

Dumme Gedanken, du wirst jetzt rausgehen und deine Blumen gießen, die Fische im Teich füttern und nach dem Rechten gucken. Es ist noch Zeit bis zum Abend.

Lernfortschritte

„Kannst du mal kommen,“ schallt es aus der Küche. Widerwillig verlässt sie ihren Schreibtisch, um nach dem Rechten zu sehen. Er hält ihr seinen blutenden Daumen entgegen, sein Gesicht ein Ausdruck des Schreckens.

„Ich hab mich geschnitten.“

Wortlos holt sie ein Pflaster, umwickelt seinen Daumen fest.

„Du bist ein Schatz! Tut mir leid, jetzt musst du die Kartoffeln schälen.“ Sie seufzt, nimmt das Messer.

Er wird es nie kapieren. Der Sonntagmorgen gehört ihr, aber irgendwie schafft der Mistkerl es immer, ihn zu stören. Ist womöglich sie es, die nie lernt?

„Koch doch Reis!“ Sie wirft das Messer hin.

Ein erster Versuch, ein Drabble zu schreiben. Die Wörter sind von Wortmann .

Wiedersehen

Die Begegnung ist unerwartet. Wie alt magst du sein? 35 oder 36? Wir hatten uns aus den Augen verloren und plötzlich stehst du vor mir. Gut siehst du aus. Du trägst ein schwarzes Kleid, deine dunkelblonden Haare glänzen.

„Wie geht es dir?“ fragst du mich und, und ich antworte
„Gut, gut geht es mir. Ich lebe jetzt wieder in Lüneburg.“
„Oh, da wolltest du doch nie wieder hin“, entgegnest du, „was ist passiert?“
„Ach, das war ein Kompromiss, ich erzähle es dir später.“
„Ok.“

Du lächelst mich an. Wir wissen beide nicht, was wir sagen sollen.
„Erzähl mir von dir,“ fordere ich sie auf. „Was machst du? Wo lebst du jetzt?“

„Nun, als du damals weggezogen bist, war ich voller Hoffnung und Zuversicht. Am Anfang lief alles besser als erwartet, aber dann kam doch alles anders als gedacht. „

Ich nicke. Ich erinnere mich. In dem neuen Leben, das ich beginnen wollte, war bald kein Platz mehr für dich. Ich musste zu viel arbeiten, die Kinder brauchten mich, der neue Mann in meinem Leben auch. Er war mir wichtiger als du.

„Es tut mir leid. Ich hätte dich nicht gehen lassen dürfen.“
Ich meine es ernst. Ich habe dich vermisst. Mit dir habe ich gelacht, Spaß gehabt und Nächte durchfeiert. Ich bin mit dir gereist. Damals hatte ich noch Träume und du hast mir Mut gemacht, ihnen zu folgen. Manchmal war es mir aber auch zu viel mit dir. Ich wollte Stabilität, einen Ruhepol.

„Ich war lange fort“, sagt sie. „Manchmal habe ich versucht, mich bei dir zu melden, aber du hast mein Klopfen nicht gehört.“

„Doch,“ sage ich. „Ich habe es bemerkt. Und ich habe dich vermisst, besonders als die Kinder aus dem Haus waren. Aber ich wusste nicht, wie ich dir begegnen sollte, hatte Angst, wie sich mein Leben verändern würde, wenn wir wieder zusammen sind.“

„Warst du denn glücklich ohne mich?“

Ich seufze. Wenn ich ehrlich bin, nein, ich war oft nicht glücklich, aber auch nicht unglücklich. Mein Leben war ok.

„Du hast mir gefehlt.“

„Es ist nicht zu spät.“ Sie kommt auf mich zu und ich umarme und herze sie, die Frau, die ich vor 30 Jahren war.