Momentaufnahme – nachts um Vier

In wenigen Monaten höre ich auf zu arbeiten. Ich merke, dass meine Nachfolgerin mit den Hufen scharrt. Sie kann nichts, was ich sage, einfach stehen lassen, nein, sie muss es umformulieren oder sie widerspricht. Statt Einarbeitung zuzulassen, lässt sie mich spüren, dass ich in ein paar Wochen weg bin und sie dann die Entscheiderin ist. Sie macht das auf eine freundlich Art, ein wenig nachsichtig, als wäre ich schon halb dement. Ich ärgere mich und es strengt mich an, Gelassenheit zu wahren.
Manchmal werde ich nachts wach und sorge mich, wie es wohl ohne mich weitergeht. Ich habe diese Abteilung aufgebaut, viel Herzblut und Lebenszeit hineingesteckt. Seit 10 Jahren arbeite ich mit dieser Frau zusammen, ich kenne ihre Schwächen und weiß, wo sie sich maßlos überschätzt. Klar sie hat auch Stärken und ich sage mir, morgens gegen vier, dass dies der Lauf der Dinge ist und dass ich wirklich loslassen darf.

Trotzdem, ich will einen guten Abgang. Will die Abteilung ordentlich übergeben, will mit hocherhobenen Haupt gehen und deshalb muss ich sie in ihre Grenzen verweisen. Noch bin ich der Boss!