Wiedersehen

Die Begegnung ist unerwartet. Wie alt magst du sein? 35 oder 36? Wir hatten uns aus den Augen verloren und plötzlich stehst du vor mir. Gut siehst du aus. Du trägst ein schwarzes Kleid, deine dunkelblonden Haare glänzen.

„Wie geht es dir?“ fragst du mich und, und ich antworte
„Gut, gut geht es mir. Ich lebe jetzt wieder in Lüneburg.“
„Oh, da wolltest du doch nie wieder hin“, entgegnest du, „was ist passiert?“
„Ach, das war ein Kompromiss, ich erzähle es dir später.“
„Ok.“

Du lächelst mich an. Wir wissen beide nicht, was wir sagen sollen.
„Erzähl mir von dir,“ fordere ich sie auf. „Was machst du? Wo lebst du jetzt?“

„Nun, als du damals weggezogen bist, war ich voller Hoffnung und Zuversicht. Am Anfang lief alles besser als erwartet, aber dann kam doch alles anders als gedacht. „

Ich nicke. Ich erinnere mich. In dem neuen Leben, das ich beginnen wollte, war bald kein Platz mehr für dich. Ich musste zu viel arbeiten, die Kinder brauchten mich, der neue Mann in meinem Leben auch. Er war mir wichtiger als du.

„Es tut mir leid. Ich hätte dich nicht gehen lassen dürfen.“
Ich meine es ernst. Ich habe dich vermisst. Mit dir habe ich gelacht, Spaß gehabt und Nächte durchfeiert. Ich bin mit dir gereist. Damals hatte ich noch Träume und du hast mir Mut gemacht, ihnen zu folgen. Manchmal war es mir aber auch zu viel mit dir. Ich wollte Stabilität, einen Ruhepol.

„Ich war lange fort“, sagt sie. „Manchmal habe ich versucht, mich bei dir zu melden, aber du hast mein Klopfen nicht gehört.“

„Doch,“ sage ich. „Ich habe es bemerkt. Und ich habe dich vermisst, besonders als die Kinder aus dem Haus waren. Aber ich wusste nicht, wie ich dir begegnen sollte, hatte Angst, wie sich mein Leben verändern würde, wenn wir wieder zusammen sind.“

„Warst du denn glücklich ohne mich?“

Ich seufze. Wenn ich ehrlich bin, nein, ich war oft nicht glücklich, aber auch nicht unglücklich. Mein Leben war ok.

„Du hast mir gefehlt.“

„Es ist nicht zu spät.“ Sie kommt auf mich zu und ich umarme und herze sie, die Frau, die ich vor 30 Jahren war.

Momentaufnahme – nachts um Vier

In wenigen Monaten höre ich auf zu arbeiten. Ich merke, dass meine Nachfolgerin mit den Hufen scharrt. Sie kann nichts, was ich sage, einfach stehen lassen, nein, sie muss es umformulieren oder sie widerspricht. Statt Einarbeitung zuzulassen, lässt sie mich spüren, dass ich in ein paar Wochen weg bin und sie dann die Entscheiderin ist. Sie macht das auf eine freundlich Art, ein wenig nachsichtig, als wäre ich schon halb dement. Ich ärgere mich und es strengt mich an, Gelassenheit zu wahren.
Manchmal werde ich nachts wach und sorge mich, wie es wohl ohne mich weitergeht. Ich habe diese Abteilung aufgebaut, viel Herzblut und Lebenszeit hineingesteckt. Seit 10 Jahren arbeite ich mit dieser Frau zusammen, ich kenne ihre Schwächen und weiß, wo sie sich maßlos überschätzt. Klar sie hat auch Stärken und ich sage mir, morgens gegen vier, dass dies der Lauf der Dinge ist und dass ich wirklich loslassen darf.

Trotzdem, ich will einen guten Abgang. Will die Abteilung ordentlich übergeben, will mit hocherhobenen Haupt gehen und deshalb muss ich sie in ihre Grenzen verweisen. Noch bin ich der Boss!

Wer – Warum – Worüber

Herzlich willkommen auf meinem Blog!

Wer hier schreibt:
Frau D., zur Zeit 66 Jahre und einen Monat alt.

Warum ich schreibe:
Schreiben gehört zu meinem Leben. Seit meiner Kindheit schreibe ich Tagebuch. Das hilft mir, meine Gedanken und Gefühle zu sortieren, neue Einsichten zu gewinnen und loszulassen. Seit einigen Jahren bin ich in einem Schreibsalon aktiv. Bloggen hat mich immer schon gereizt, und seit 2021 habe ich den einen oder anderen Blog gestartet, dann aber aus Zeitmangel vernachlässigt und schließlich gelöscht.

Bei meinen letzten Blogversuchen hatte ich kein festes Thema und sehr hohe Ansprüche an mich selbst. Diesmal habe ich ein Thema.

Ich gehe in wenigen Wochen in Rente. Das fällt mir nicht ganz leicht, denn ich habe meinen Beruf – soziale Arbeit – aus ganzem Herzen geliebt. Die letzten Jahre war ich Einrichtungsleitung, durfte also viel gestalten und entscheiden, hatte Kontakt zu Mitarbeitern, Klienten, Ämtern und Behörden und natürlich auch eine berufliche Rolle, die nicht nur viel Verantwortung und Zeit kostete, sondern mir auch das Gefühl gab, etwas zu bewirken, zu etwas Gutem beizutragen.

Künftig bin ich nur noch Frau D. Wer das ist, weiß ich gar nicht so genau, denn ich habe mich vor allem über meine berufliche Rolle definiert und oftmals auch die Arbeit benutzt, um mich schwierigen Lebensthemen nicht zu stellen.

Der Eintritt in den Ruhestand ist der Beginn der letzten Lebensphase ist. Nach Kindheit und Jugend, Familiengründung, Berufstätigkeit kommt nun eine Phase, in der ich mich noch einmal neu erfinden kann, die aber gleichzeitig auch in das Alter führt.

Noch fühle ich mich jung und voller Tatendrang, doch im Zusammensein mit meiner Mutter, Onkel und Tanten, allesamt 88 Jahre und älter, habe ich in den letzten Jahren erlebt, wie aus aktiven, lebensfrohen Rentnern nach und nach Greise wurden. Sie lieben das Leben, nehmen weiterhin Anteil an allem, was in der Welt geschieht, und doch werden sie müder, langsamer. Alles wird ein weniger, die Spaziergänge kürzer, die Mahlzeiten kleiner, das Schlafbedürfnis größer.

Sie sind für mich Vorbilder, weil sie das Leben auskosten und gleichzeitig wird mir im Zusammensein mit ihnen bewusst, wie kostbar unsere Lebensjahre sind. Wir wissen nicht, wie viele Lebenstage noch vor uns liegen. Umso wichtiger ist es, jeden Tag auszukosten.

Auf Herzwellen schreiben ich über den Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand, darüber, was ich dabei erlebe und fühle. Neben persönlichen Erfahrungen schreibe ich aber auch gern über das, was ich lerne und erfahre, teile Informationen und Tipps. Manchmal setze ich mich in Form von Ausgedachtem mit dem Leben auseinander,

Warum Herzwellen

Herzwellen habe ich als Titel des Blogs gewählt, weil ich mit Herz schreibe und Wellen als Sinnbild für unsere Lebensphasen und Gefühle sehe. Wellen zeigen sich von Tag zu Tag anders: sanft, ruhig, beständig und leise oder unruhig, kraftvoll, zerstörerisch und laut. Genau wie unsere Lebensphasen.