Langeweile

An manchen Tagen habe ich Langeweile. Ich fühle mich antriebslos, habe zu nichts Lust.

Eigentlich könnte ich etwas schreiben, oder eine Lektion meines Malkurses machen, in den Garten gehen, eine Freundin anrufen oder das Haus putzen, überlege ich. Doch keine dieser Aktivitäten spricht mich an. Das kann ich alles auch noch morgen tun.

Mit dem 4. Becher Kaffee bleibe ich am Frühstückstisch sitzen und surfe durchs Internet. Erst die Nachrichten, dann die schönen bunten Seiten mit Ideen, wie ich mein Haus verschönern, meine Figur verbessern und meinen Garten bienenfreundlich gestalten kann.

Irgendwann bin ich übersättigt von den schönen Bildern und frustriert, weil ich immer noch nichts gefunden habe, das mich aus dem Sessel zieht.  

Also, spielen. Solitär, gegen die Zeit, lenkt mich ab und eine Stunde später, wenn die Augen anfangen zu brennen, fühle ich mich noch ein Stückchen schlechter. Noch mehr Zeit vergeudet.

Nun beginnen sich Selbstvorwürfe zu regen.

„Wie kannst du deine Zeit nur so vergeuden?“ fragen sie.

„Du hast doch jahrzehntelang davon geträumt, endlich Zeit für all diese Dinge zu haben. Jetzt hast du sie und tust nichts. Was ist los mit dir?“

Widerwillig mache ich mich an den Abwasch, danach fahre ich einkaufen, nehme mir Zeit. Wieder zuhause stecke ich Wäsche in die Maschine, surfe noch einmal eine Stunde durchs Netz. Mittlerweile ist es fast 16.00 Uhr.

Im Wohnzimmer guckt mein Lebensgefährte „Bares für Rares“. Ich geselle mich zu ihm. Er hat keine schlechtes Gewissen, wenn er schon nachmittags Fernsehen guckt.

Nach einer weiteren Sendung ist es Zeit, Abendbrot zu essen. Danach die 19.00 Uhr Nachrichten.

Der Tag ist fast vorbei. Nicht vorbei sind meine innere Unruhe und Unzufriedenheit.

Kennt ihr solche Tage?

Rentnerin, verdammt!

Es ist 10.00 Uhr. Seit 2 Stunden bin ich wach, habe die Zeitung von vorn bis hinten gelesen, dabei mehrere Becher Kaffee getrunken und ein paar Worte mit meinem Lebensgefährten gewechselt.

Die Sonne strahlt und der Tag liegt vor mir. Ich kann ihn gestalten, wie ich will. Ich bin Rentnerin, verdammt!

Jahrelang habe ich mich darauf gefreut. Endlich Zeit für all die Dinge, für die die Zeit immer zu knapp war.

Doch statt Freude und Lebenslust spüre ich innere Unruhe und Langeweile.

Meine Listen mit all den Projekten in Haus und Garten, Reisezielen und Hobbys, die ich ausprobieren will, machen es nur schlimmer.

Sollte ich meine neue Freiheit nicht genießen?

Wozu habe ich den teuren Online-Kurs ‚Zeichnen und Malen lernen‘ gebucht, wenn ich mich nicht wenigstens einmal die Woche damit beschäftige?

Wenn ich schon zu nichts Lust habe, könnte ich wenigstens so tun, als hätte ich Urlaub und mich mit einem Buch auf dem Sofa tummeln, einfach nichts tun, warten, bis die Kraft von alleine kommt.

Doch ich habe mich jetzt schon 6 Wochen treiben lassen und es stellt sich immer noch kein Energieschub ein. Nicht mal das Haus geputzt habe ich!

Das kann so nicht weitergehen! Meine Lebenszeit ist kostbar, ich kann sie doch nicht einfach verrinnen lassen!

Ich frage meinen Freund Chat GPT, welche Probleme es beim Eintritt ins Rentenalter geben könnte. Depressionen und ein Gefühl der Nutzlosigkeit, antwortet er mir und gibt mir gleich eine lange Liste mit Dingen, die diesem entgegenwirken können:  

  • Hobby suchen
  • Ehrenamt/soziales Engagement
  • Sport treiben
  • Nebenjob
  • Weiterbildung / etwas Neues lernen
  • Haustier

Demzufolge habe ich alles richtig gemacht: Hobby gesucht (Malen und Zeichnen), im Fitness – Studio angemeldet, mehr Zeit für die Enkelinnen eingeplant, und 8 Stunden in der Woche betreue ich ein Projekt in meiner Einrichtung, und zwar eins, das mir richtig Spaß macht.

Also, Aktivitäten habe ich genug. Hinzu kommen ein Garten und ein renovierungsbedürftiges Haus, die dringend Aufmerksamkeit benötigen. Nur ein Haustier habe ich noch nicht, obwohl ich ernsthaft überlege, mir ein Aquarium anzuschaffen.

Was mir fehlt ist Antrieb und Energie.

Meine beste Freundin lacht, als ich ihr von meinem Frust erzähle.

„Ich habe fast zwei Jahre gebraucht, um endlich wieder bei mir anzukommen und den Stress von 40 Jahren Arbeit hinter mir zu lassen,“ erzählt sie. „Warte ab, die Energie und die Lust, was zu unternehmen, kommt noch. Und pass auf, dass du dich nicht zu sehr in diesen Nebenjob reinziehen lässt.“

„Meinst du wirklich?“

Ich bin skeptisch.

„Vor allem solltest du aufhören, deine Hobbys und Interessen wie eine Verpflichtung zu betrachten“, mahnt sie. „Du bist im Ruhestand. Du MUSST GAR NICHTS MEHR!!“