Trautes Heim, Glück allein

Seit Sabine nicht mehr arbeitet, hat sie das perfekte Heim.

Die Küche ist aufgeräumt, Obstkorb, kleines Weinregal und Blumen auf der Fensterbank machen sie ungewohnt heimelig. Im Wohnzimmer sind die Möbel neu arrangiert, das Parkett glänzt. Nirgendwo klebt ein Hundehaar, kein Strumpf oder Pullover liegt herum, geschweige denn ein Buch. Im Bad glänzen die Duschwände und die Gästehandtücher liegen ordentlich gefaltet im Regal.

Wenn ich sie besuche, habe ich neuerdings das Gefühl, mich auf Eierschalen zu bewegen. Meinen Kaffeebecher setze ich brav auf den grauen Filzuntersetzer, ich ziehe die Schuhe noch vor der Haustür aus und versuche, nicht beleidigt zu sein, wenn sie mich aus ihrer Küche scheucht.  

Wie gemütlich war es, bevor sie in Rente ging!

Auf dem Sofa lagen ihr Strickzeug und der Krimi, den sie gerade las. Ein Teller mit Keksen stand auf dem Tisch und wenn eine von uns krümelte, störte uns das nicht. Ihr Make-up lag offen im Bad und im Ohrensessel schlief der Hund.

Jetzt ist Sabine in Habachtstellung. Jede Bedrohung des perfekten Haushalts muss sofort bekämpft werden.

Ist das ein Ruhestandsphänomen?

Bei meiner Cousine ist es ähnlich. Als berufstätige Hausfrau, ließ sie Fünf gerade sein.

Seit 6 Jahren herrscht bei ihr perfekte Ordnung, bei deren Aufrechterhaltung inzwischen auch eine Putzhilfe mithilft.

Meine Cousine klagt über die Arbeit, die ihr Haushalt macht. Jeden Tag müsse sie putzen. „Warum hast du dir auch schwarze glänzende Fliesen in Flur und Küche legen lassen, und musste der Teppichboden im Wohnzimmer unbedingt hellbeige sein?“, frage ich mich insgeheim.

Sabine hingegen schwärmt davon, wie schön sie es findet, jetzt endlich in einem aufgeräumten Haushalt zu leben. Sie meint, dass die äußere Ordnung wesentlich zu ihrem Gefühl innerer Ruhe beiträgt.  

Ich gebe zu, ein bisschen mehr Ordnung würde nicht schaden. Neuerdings fällt mir auf, dass in meinen Schubladen das blanke Chaos herrscht – ganz zu schweigen, von all dem Zeug, das überall herumliegt und mich nervt.  Zeit genug, mal gründlich aufzuräumen, habe ich ja jetzt und ein bisschen mehr innere Ruhe wäre auch nicht schlecht.

Ich muss ja nicht gleich zur perfekten Hausfrau mutieren, oder?